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Laudatio anlässlich der Kulturpreis-Übergabe 1999 an Edwin Grüter durch die Stadt Willisau
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Schicht um Schicht abtragen oder - umgekehrt - auftragen, um den ursprünglichen Zustand wieder zu erreichen , dieser archäologische Vorgang ist Kennzeichen für sein künstlerisches Schaffen. Seine Arbeiten sind als Archäologie von Räumen zu verstehen, von Räumen, die er erlebt oder sich vorgestellt hat, von wirklichen und von visionären Räumen. In seinen Werken macht sich Edwin Grüter Gedanken über Raum, Zeit und Sprache, wie es in der Urkunde heisst.
Ein erstes Beispiel: Einige unter Ihnen mögen sich noch an die Ausstellung erinnern, die die Willisauer Kulturkommission im Frühling 1994 hier in diesem Saal unter dem Titel "schwellen des schweigens" veranstaltet hat. In diesem Raum mit den festen Holzsäulen und der markanten Holzdecke hingen damals zwei Reihen von weissen Tüchern, die von der Decke bis zum Boden reichten. Der Raum war zu einem fast sakralen Raum geworden, zu einem Raum, in dem gedämpftes Licht und eine weihevolle Stille herrschten. Es war eine Installation, die Edwin Grüter gemacht hat.
Doch dem sakralen Charakter zum Trotz: Man wähnte sich damals mitten in einer Wäschehänge mit weissen Leintüchern, wie sie draussen in der Schaalgasse hängen, wenn jemand Waschtag hat. Dieser Saal war ursprünglich eine Markthalle, so etwas wie eine Tuchlaube. Mit der Installation von Edwin Grüter ist das Material Stoff/Tuch wieder zurückgekehrt. Damit hat der Künstler einen Bezug geschaffen zur Vergangenheit dieses Raumes hier, aber auch zum Alltag der Menschen, die heute in der Schaalgasse leben. Und er schuf mit seiner Installation noch weitere Bezüge: Die Tücher hingen in zwei Reihen an den Querbalken der Decke, so gestuft, dass sich die beiden Reihen nach hinten verengten. Und auf den weissen Stoffbahnen waren markante schwarze Balken gemalt. In diesen hängenden Tüchern und in den schwarzen Balken wurden die Strukturen des Raumes wiederholt und neu geordnet: der Saal erhielt dadurch eine ganz andere Dimension, und gerade durch diese neuen Strukturen, wie sie der Künstler geschaffen hat, wurden den Besuchern die eigentlichen, die alten Strukturen dieses Raumes sichtbar. Mit andern Worten: indem Edwin Grüter den Raum mit seinen Mitteln verfremdet und in neuen Perspektiven zeigte, wurde einem dieser vertraute Raum, den man normalerweise gar nicht mehr richtig wahrnimmt, in seinen wesentlichen Grundzügen nahe gebracht. Mit seiner Wäschehänge, mit seinen Tüchern und seinen Zeichen nahm er also Merkmale der Umgebung auf; er stellte Bezüge zur unmittelbaren Umwelt her.
Ein zweites Beispiel: In Sarnen gibt es die Galerie Hofmatt. Die Hofmatt ist ein schönes, altes, herrschaftliches Haus, und im Parterre beziehungsweise im Keller dieses Hauses ist die Galerie Hofmatt untergebracht. Man muss wissen, dass die Räume der Galerie hinter dicken Mauern liegen und dass nur recht kleine Fenster den Blick nach draussen in die Obwaldner Berge frei geben, also kaum eine Aussicht bieten. Im Februar 1997 zeigte die Galerie eine Installation von Edwin Grüter unter dem Titel "aussichten", ausgerechnet Aussichten. Der markanteste Raum der Galerie ist das so genannte Panoramazimmer, ein kleiner Raum, der rundum mit einem alten Panorama ausgemalt ist, dem Panorama der Obwaldner Landschaft, wie es sich von der Hofmatt aus zeigen könnte. Als der Maler dieses Panorama im 17. oder 18. Jahrhundert auf die Mauern malte, ging er mit der Landschaft recht frei um. Das Wandbild zeigt zwar eine real existierende, aber trotzdem eine imagi-näre Landschaft, so wie sie sich der Maler vorgestellt hat. Trotz den dicken Mauern und den relativ kleinen Fenstern bietet also das Panoramazimmer eine erhabene Aussicht. Der Panoramamaler hat seinerzeit die Landschaft hinein in den Raum geholt, also das Draussen nach drinnen transferiert.
Auf diesem Hintergrund hat Edwin Grüter in der Galerie seine Installation eingerichtet. Im so genannten Galeriezimmer - es hat zwei Fenster, eines an der Front und eines an der Seite des Raumes - legte er eine blaue Glasplatte auf den Boden, weiter nichts. In dieser Glasplatte spiegelten sich die beiden Fenster. Der blaue Spiegel des Glases nahm das Blau des Himmels draussen auf. Mit diesem Spiegel holte Edwin Grüter also - wie der Panoramamaler - das Draussen nach drinnen. Er schaffte also eine Aussicht, ohne dass man ans Fenster treten musste, um nach draussen zu schauen. Edwin Grüter ging aber noch weiter. Wer an die Glasplatte herantrat und in den Spiegel schaute, erlebte eine grosse räumliche Tiefe, hinunter in den Gewölbekeller, wo die Installation ihre Fortsetzung fand. Also auch in der Hofmatt-Galerie: Edwin Grüter ging auf die Räume ein, und er stellte sie zueinander in eine Beziehung, und er stellte zugleich auch einen Bezug zur Umwelt her.
Das ist typisch für das Schaffen von Edwin Grüter. In seinen Installationen bezieht er immer auch die Räumlichkeiten mit ein, nimmt er auf die gegebenen räumlichen Strukturen direkt Bezug und setzt er sich mit den Begriffen und dem Wesen des Raums auseinander. Was er so schafft, sind nicht Werke, die sozusagen für die Ewigkeit gemacht sind. Es sind Kunstwerke auf Zeit, für die nicht nur das Resultat, sondern ebenso sehr der Entstehungsprozess und die Endlichkeit des Werkes wichtig sind. Damit bekommen seine Werke also eine vierte Dimension: die Zeit. Allerdings: Mit dem Abbruch einer Installation hat das jeweilige Werk in der Regel kein Ende. So vervielfältigte Edwin Grüter zum Beispiel Fotografien seiner Installationen auf dem Fotokopierapparat. Und diese schwarzweissen Kopien überarbeitete er: Schicht um Schicht übermalte er sie mit weisser Farbe, es entstanden neue Raumwirkungen, bis im Extremfall das Blatt wie im ursprünglichen Zustand weiss war.
Das ist es, was ich darunter verstehe, wenn ich Edwin Grüters Schaffen als Archäologie von Räumen bezeichne. Es geht in seinem Werk nicht nur um die betreffenden konkreten Ausstellungsräume und ihre Umgebung, sondern auch um Räume, die in ihm selbst vorhanden sind, um Räume, die er früher einmal erlebt hat, um Räume, die ihm vertraut sind, um Räume, mit denen er sich neu auseinandersetzt, aber auch um Räume, die neu zum Vorschein kommen, um visionäre Räume. Wie ich vorhin bereits gesagt habe: Schicht um Schicht trägt Edwin Grüter ab oder - umgekehrt - auf, um dem Raum und seinen Beziehungen auf die Spur zu kommen. Wie ein Archäologe trägt er Schichten ab, untersucht er akribisch den Aushub, zeichnet er Spuren und Funde der Räume auf, die über-einander errichtet waren, die eingestürzt sind oder die er einst selbst abgebrochen hat. Und aufgrund dieser Ereignisse versucht er, die Räume in seinen Installationen zu rekonstruieren. Aber im Gegensatz zum Archäologen geht es ihm nicht darum, diese Räume auch zu konservieren, im Gegenteil. Indem er die fotografischen Bilder seiner Installationen überarbeitet, verändert er auch die Räume. Nachdem er Räume, die er als Kind - zum Teil unbewusst - erlebt hat, ins Bewusstsein zurückgeholt hat, durchschreitet er sie nochmals - diesmal bewusst und auf dem Hintergrund der inzwischen gemachten neuen Erfahrungen.
... Raum und Zeit sind für Edwin Grüter Grenzerfahrungen. Sie sind natürliche Grenzen, die uns Menschen vorgegeben sind, die uns einerseits eine gewisse Geborgenheit geben, die in uns andererseits aber auch die Sehnsucht wecken, darüber hinauszuschauen oder gar darüber hinauszugehen. Dies hat er vorerst in Gedichten zum Ausdruck gebracht. Und seit er 1986 die Installation als das dafür adäquate Ausdrucksmittel entdeckt hat, beschäftigt er sich mit dem Thema Raum und Zeit intensiv mit künstlerischen Mitteln. In seinen Installationen versucht er herauszufinden, wie ein Raum auf ihn selbst wirkt, was er in ihm persönlich an Emotionen, an Spiritualität oder an Geistigem auslöst. So bringt er sich immer wieder auch körperlich als Teil der Installation mit ein. Der Raum ist für Edwin Grüter nicht nur etwas Topografisches oder Neutrales, sondern es sind darin auch sehr starke Kräfte vorhanden, die intensiv auf ihn und auch auf die Besucherinnen und Besucher seiner Ausstellungen wirken. So haben seine Rauminstallationen immer auch etwas Magisches und Sakrales, wie der Bürgersaal damals mit seiner Installation eine starke Ausstrahlung erhalten hat.
An die (zeitlichen) Grenzen heran- und darüber hinausgehen, sich an den (räumlichen) Horizont herantasten und darüber hinausschauen: Das ist ein Unternehmen, das in Wirklichkeit nie zum Erfolg geführt werden kann, weil die eigenen zeitlichen Grenzen natürlicherweise unverrückbar gegeben sind und weil hinter dem Horizont immer wieder ein neuer Horizont den Blick begrenzt, ein Unterfangen also, das sich nur in der geistigen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit verwirklichen lässt. Und nur diese geistige - und für Edwin Grüter notwendigerweise künstlerische, emotionale und intellektuelle - Auseinandersetzung ermöglicht es, den Weg zurück zum Ursprung zu gehen.
Darum geht es: Edwin Grüter stellt mit seinen Installationen die Spuren von Raum, Zeit und Sprache der individuellen Wahrnehmung gegenüber, und er regt so den Betrachter, die Betrachterin zum Nachdenken über den eigenen Lebensraum und den eigenen Ursprung an. Dieses Wirken von Edwin Grüter findet nun mit dem Kulturpreis der Stadt Willisau eine verdiente öffentliche Würdigung. Das freut mich für Edwin Grüter ganz besonders, für ihn, den stillen Schaffer, der sich feinfühlig wie kaum ein anderer mit unserer Welt beschäftigt.
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Josef J. Zihlmann
Vernissage-Rede zur Installation "see-störungen" 2001 in der Gemeindegalerie Meggen
"zeiträume", "aussichten", "fundland", "weiss-heiten", "schwellen des schweigens": Die Titel von Edwin Grüters Ausstellungen der vergangenen Jahre gehen aus von sprachlichen Begriffen, die uns durchaus vertraut sind. Zugleich eröffnet er mit ihnen neue Sinn- und Wahrnehmungsfelder. Er spielt offensichtlich mit der ursprünglichen Grundbedeutung der Wörter, indem er sie z.B. wie in "aussichten" oder "zeiträume" auf mehrere Sinnebenen bezieht. Oder aber er schafft mit orthografischen Eingriffen neue Bedeutungen. Dann werden Weisheiten zu "weiss-heiten" mit zwei s oder Sehstörungen zu "see-störungen" mit zwei e wie hier in dieser Ausstellung.
Die präzis gesetzten Titel von Edwin Grüters Ausstellungen sind somit ein erstes, wichtiges Zeichen für seine Art der künstlerischen Auseinandersetzung. Edwin Grüter geht in seiner Arbeit meist aus vom realen Ort. Jeder Ort bietet etwas an: Die Gemeindegalerie Benzeholz besonders den prägenden Innenraum der ehemaligen Fischerhütte und den herrlichen Ausblick auf die Landschaft mit Ufer, See, Bergen und Himmel. Die Installation "see-störungen" zeigt aber, dass diese intensive Auseinandersetzung für den Künstler lediglich einen ersten Ausgangspunkt dartstellt.
Das blaue Gerüstschutznetz, das diagonal durch das Erdgeschoss gespannt ist, macht dies sofort deutlich. Der einfache, konsequente Eingriff in diesen Raum lässt uns den Ausblick durch die drei Fenster anders, neu erleben. Das Netz bildet die Landschaft wie ein Bildschirm ab und verändert zugleich den Blick auf die gewohnte Realität. Das Netz stellt so eine Grenze dar aus alltäglichem Baumaterial, eine Grenze, die durch Farbe und Raster eine ungewohnte Wahrnehmung erzeugt. Die reale Landschaft zeigt sich uns wie verschleiert, durch das flächige Kunststoffnetz in Kontur, Licht und Farbe verändert. Innen- und Aussenraum treten damit in ein neues Verhältnis und erhalten eine neue Qualität.
Ähnliches macht auch das zehnminütige Endlosvideo im ersten Obergeschoss erfahrbar. Die Bilder werden projiziert auf jene Wand, hinter der - und das wissen wir genau - sich jener See befindet, den die Videokamera aufgezeichnet hat. Die Projektion macht uns diesen See, den wir wegen der Wand real nicht sehen können, auch auf einer Fläche sichtbar. Der Blick auf den See ist allerdings vom Schiff aus aufgenommen, aufgenommen mit fast dramatischer Bewegung und Bewegtheit. Die Fahrt des Schiffes, der Wellengang und die Bewegung der Kamera sind kombiniert mit prägenden Geräuschen des Windes, der Wellen und wohl auch des Schiffsmotors. Diese Projektion der Schifffahrt schafft ein virtuelles Fenster in der Wand und zeigt uns das genannte Verhältnis von Innen und Aussen und von Realität und Abbildung wiederum anders. Die Bilder zeigen die Fahrt auf diesem See, scheinbar gegenwärtig, und doch weiss ich, dass diese Fahrt vergangen ist, dass sie schon stattgefunden hat, am verregneten Morgen des 7. Juli 2001, bei herrlichem, unverwechselbarem Licht, auf einem Motorschiff vermutlich zwischen Hertenstein und Vitznau.
Auch die Arbeit im Dachgeschoss nimmt Elemente der anderen Arbeiten auf, um sie zugleich zu erweitern. Die rechteckige Aluminiumwanne am Boden ist 6 m lang, 90 cm breit, also genau so breit wie die Fensteröffnung, und 5 cm hoch. Der schwarz eingefärbte Innenteil ist zur Hälfte mit Seewasser gefüllt - mit insgesamt etwa hundertfünfzig Litern übrigens. Der See ist in den Raum herein genommen. Die Wasseroberfläche spiegelt für einmal Fenster und Ausblick. Sie ist wiederum Projektionsfläche und verbindende Grenze zwischen innen und aussen.
Die spiegelnde Abbildung der äusseren Realität verändert den Ausblick, den wir durchs reale Fenster haben. Sie verunsichert und schärft zugleich unsere Wahrnehmung, wenn wir plötzlich durchs gespiegelte eine Fenster nur noch Ziegel eines Dachs oder durchs andere Fenster Zweige eines Baums erkennen, die der Blick durchs reale Fenster nicht zeigt. Damit vermischen und verändern sich sowohl die Realitätsebenen wie auch unsere Sichtweisen. So merken wir wiederum, dass diese Installation Edwin Grüters in verschiedenartiger Weise "see-störungen" erzeugen, Störungen aber, die unsere Wahrnehmungen schärfen und erweitern.
Damit ist eine neue Raumdimension geschaffen, die immer ausgeht vom einzelnen Kunstwerk, also vom realen Ort und von dessen Abbildung und Gestaltung durch die Hand des Künstlers. So gesehen ermöglichen uns Edwin Grüters Werke eine neue Form der Realitäts- und damit der Welt- und Seinserfahrung. Wir sehen uns Formen der Wahrnehmung gegenüber, die uns Menschen in unserem Raum neu definieren, die sich überlagern und in immer wieder neuen Konstellationen zeigen, hier und jetzt.
Rainer Malkowski hat einen solchen, durchaus vergleichbaren Moment der Wahrnehmung ganz einfach und anschaulich, aber sehr konsequent formuliert und den Lesenden ins Bewusstsein gebracht. Im Gedicht "Das Fenster" sagt er:
An lichtstarken Tagen
Bemerken wir manchmal
Ein rechteckiges Muster
Auf dem Fussboden.
Das Fenster,
Ein diskreter Diener,
Durch den wir gewöhnlich
hindurchsehen,
Ist seine Selbstlosigkeit leid
Und fügt sich als geometrische
Stifterfigur ins Bild.
Ich wünsche Ihnen, meine Damen und Herren, nicht nur viele solche "lichtstarke" Tage, sondern ich wünsche Ihnen auch "lichtstarke" Augenblicke neuer Wahrnehmung, möglichst viele "see-störungen" eben.
Roland Haltmeier
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